Kastanienbewegung 2015/16

Ein Blick aus dem Fenster, und eines K 15-16war klar: heut setz‘ ich keinen Schritt vor die Tür.Das Wetter war ja auch nicht gerade ermutigend, um sich von der treuen Begleiterin des Winters zu trennen und sie diesen widrigen Umständen auszusetzen. Aber heute ist ja der Tag der Kastanienbewegung, da soll man ja nicht so empfindlich sein, oder? Also bin ich dann mal schnell in den fünften Stock hochgeklettert, habe das Fenster geöffnet und dort eine spektakuläre Wurfausgangsposition eingenommen – die Flugbahn jedenfalls war filmreif und wohl mehr als gut genug, um einen angemessenen Frühling erwarten zu dürfen.

Seit heute ist wieder mehr Platz in meiner Jackentasche – Platz für Neues – Sommersachen eben!

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Geschichten von Häusern und Menschen

Gestern habe ich es wieder getan! Obwohl ich mir so fest vorgenommen hatte, es nicht wieder zu tun, bin ich doch wieder schwach geworden. Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen: Ein Sachbuch bestellt – tags drauf zum Buchhändler („… ach ja, das dicke Ding, jaaa, das ist da!“); bezahlt hatte ich schon und alles wäre fast gut gegangen, hätte es da nicht diese fatale Frage: „Quittung?“ gegeben. Während also der Sohn des alten Schartekenhökerers einen einkommenssteuerantragstauglichen Begleichungsbeleg ausfertigte, (das geht hier noch mit Kugelschreiber, Kassenblock-Mappe, Kohlepapier und RRRRRatterdizack-Kling-Registrierkasse „und bitteschööön!“), streifte mein Blick über die vor’m Tresen ausgebreitete Impulsware, und Zack! – es war wieder soweit: „Dit nehmick ooch noch mit!“

Diese unbedachten Spontankäufe haben sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer immensen Bibliothek aufgehäuft, deren wachsender Umfang meine Frau dann & wann zur augenrollend vorgetragenen Bemerkung veranlasst: „ Jetzt nur noch ein einziges Buch dazu, und hier ist kein Platz mehr für uns.“

In der Katerbibliothek gibt es eine Berlinabteilung, und in dieser eine Moabit-Unterabteilung mit einer speziellen Subkategorie, die man etwa mit den Stichworten „Moabiter Häuser“; „Erinnerungen Moabiter Ureinwohner“; „Erlebnisse von Menschen in der Nachbarschaft“ etikettieren könnte.

Unseren Stadtteil kenne ich recht gut, nicht nur jede Straße, aus früheren beruflichen Gründen auch fast jedes Haus von innen (>95%), daher geht von dieser Art Bücher ein unwiderstehlicher Reiz für mich aus. Diese Werke sind großenteils nicht von Historikern / Schriftstellern / Journalisten verfasst, sondern von ganz normalen Menschen, die darin über ihr Leben in unterschiedlichen Zeitläuften und Gegenden dieses Stadtteils berichten. Das Besondere daran sind nicht eigentlich die geschilderten Ereignisse selbst, sondern der genius loci, der durch die Zeilen hindurchblinzelt. Manche der erwähnten Dinge sind mir schon bekannt, aber es gibt immer Neues zu entdecken – besonders die unterschiedliche Sichtweisen. Und vielleicht trifft man ja mal unverhofft eine(n) Bekannte(n) wieder. Oder noch schriller: man findet sich selbst im Buch! (Ist aber noch nie passiert.)

Wie fühlte sich das an, als man im Park Schilder sah: „Betreten des Rasens verboten!“, an Haustüren: „Aufgang nur für Herrschaften!“, als die Nazis durch die Straßen marschierten und in’s Rathaus einzogen, was haben die Leute so alles gemacht, als es noch kein Fernsehen gab, das Kino so teuer war?

Viele dieser Bücher und Hefte sind im Selbstverlag herausgegeben und wurden wohl im persönlichen Verwandten- / Freundes- & Bekanntenkreis herumgereicht. Und eben manchmal auch in meiner Lieblingsbuchhandlung veräußert.

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+++ Beusselstraße 23 +++

BeusselLaabs, Hans-Jürgen
Beusselstraße 23
Kindheit im Berlin der 50er Jahre
mit 16 Zeichnungen des Autors
Books on Demand GmbH, Norderstedt 2011
175 S.
ISBN 978-3-8448-0156-9

 

 

 

Das gestrige Beutestück also ist gefüllt mit den Kindheitserinnerungen des Autors. Es beginnt im Juni 1950 mit dem Umzug einer Kiste Holzbauklötzer aus der Beussel 25 in die 23, durchgeführt von ihm selbst im Alter von ca. vier Jahren.
Zu den erwähnten Bauklötzern gesellen sich alsbald Bucker, Murmeln und SIKU-Autos, Drachen, Milchkannen, Bucheinbände, Kaufmannsladen, Stabilbaukasten, Drachen, Weihnachtsbäume, Ostereier etc. – das 50erjahretypische Kindheitspandämonium eben. Es gibt Einkaufstouren durch die Geschäfte der Umgebung (Supermärkte und Discounter waren noch nicht erfunden), Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung, Kirchen, Kindergärten…
Das Ganze ist recht flott durchgelesen und leider viel zu kurz. Das ist schade, läßt aber auf eine Fortsetzung hoffen.

+++ Schleswiger Ufer 5 +++

Hansa_1Butschkau, Jutta
Aufgang nur für Herrschaften
Teil I: Eine Kindheit im Hansaviertel
111 S.
Adriano Cocozza Verlag, Berlin 1987

 

 

 

 

Hansa_2Butschkau, Jutta
Aufgang nur für Herrschaften
Teil II: Kindheit und Erwachsenwerden im alten Hansaviertel
180 S.
Selbstverlag, Berlin 2000

 

 

 

 

Eigentlich passt diese Publikation gar nicht in diese Sammlung, steht das beschriebene Haus doch im Hansaviertel und gehört somit auch nicht zum Themengebiet. Aber es ist spannend geschrieben und die Handlung führt die Autorin zwangsläufig immer wieder auch nach Moabit.
Die einzelnen Kapitel sind ursprünglich Beiträge zur früheren Tiergartener Bezirkszeitung „WINK“ und sind hier in zwei schmalen Büchlein versammelt:
Band I (1925 – 1934); Band II (1934 – 1949).
Dies ist wohl die umfassendste Schilderung von Selbsterlebtem in dieser kleinen Sammlung. Die Autorin ist allerdings erfahren im Verfassen von Texten und das merkt man dem Projekt an.
Das Zeitfenster der Erzählungen öffnet sich 1913 mit dem Einzug des Vaters in die spätere Familienwohnung und schließt sich am 13. Mai 1949, einen Tag nach dem Ende der Berlinblockade mit einem Glas Himbeersirup.

 

+++ Turmstraße 74 +++

TurmBardorf, W.
Meine Jugend in Moabit 1930 – 1948
75 S
Erschienen im Selbstverlag, Berlin 2002

 

 

 

 

 

Geboren 1930, schildert der Autor seine Kindheit und Jugend bis 1948. Schule, Automobile, Familie, Nazizeit, Krieg, Kinderlandverschickung, Ausbildung, Entnazifizierung.
Die Bardorfs hatten in der Turmstraße ein legendäres Geschäft (Photo-Optik). Daher ist es kein Wunder, dass hier viele seltene Bilder präsentiert werden. Leider ist deren Qualität im xerocopierten Heft nicht so optimal, wie es den Motiven zukäme. Und natürlich sind es zu wenig.
Das Heftchen hatte ich mal zusammen mit einer Brille im Laden des Autors gekauft.

 

+++ Emdener Straße 25 +++

EmdenerSchönrock, Hildegard
Wir kamen gerade so hin
Meine Kindheit und Jugend in Berlin.Moabit
Erzähltes Leben I
Hrsg. von Heidi Koschwitz, Hellmut Lessing und Manfred Liebel
31 S.
Dirk Nishen Verlag in Kreuzberg, Berlin 1983
ISBN 3 88940 401 4

 

 

Der Text in diesem Heftchen entstand als Ergebnis einer Interviewaktion. Die Tonaufnahmen wurden transkribiert und dann zu einer Erzählung geordnet.
1910 geboren, schildert die Autorin Kindheit, Jugend und Arbeitsleben in sehr ärmlichen Verhältnissen. Die Interviewer (Hrsg.) hatten es ursprünglich auf Hinweise zu sogenannten „wilden Cliquen“ abgesehen, also auf eine bis heute nicht ausreichend beschriebene und dokumentierte proletarische Jugendsubkultur der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Dazu konnten hier keine vertiefenden Fakten gefunden werden, aber es kam dennoch eine spannende Rückschau auf das moabiter Leben bis zum Krieg heraus.

 

+++ Perleberger Straße 55 [35 / 49] +++

PerlePangels, Charlotte
Löwenknopf am Klingelzug
Ein Berliner Haus wird 100
344 S.
Callwey, München 1984
ISBN 3 7667 0710 8

 

 

 

 

Das Buch beginnt 1884 mit dem Einzug des Großvaters der Autorin in’s neu erbaute Haus und spannt seinen Erzählbogen bis 1984. Es ist in siebzehn Kapitel aufgeteilt, jeweils einer Familie / Mietpartei gewidmet.
Sehr spannend geschrieben führen die Erzählungen von der Kaiserzeit (das Haus war in unmittelbarer Nachbarschaft vieler Kasernen) über die Weimarer Republik bis zur Nazizeit und den Krieg. Dabei kommt vieles zur Sprache, aber in meinen Augen ist das alles fast zu professionell aufbereitet. Trotzdem ein tolles Buch mit schönen Photographien.

 

+++ Stephenstraße 66 +++

StephanLegewie, Heiner
Alltag und seelische Gesundheit
Gespräche mit Menschen aus dem Berliner Stephanviertel
357 S.
Psychiatrie Verlag, Bonn 1987
ISBN 3-88414-088-4

 

 

 

 

Dies ist das für mich wohl herzergreifendste Buch in der ganzen Sammlung. Es kommt mit einem etwas sperrigen und fast irreführenden Titel daher, man mag im Buchladen beim Blick auf das Cover denken: „das ist Psychoscheiß, also nichts für mich!“, aber nein: Es ist genau so gewesen, wie es hier aufgeschrieben wurde. Der Autor hat im Rahmen eines Feldversuchs Interviews mit Menschen geführt, wollte in einem Sanierungserwartungsgebiet Erkenntnisse über die psychische Situation der Bevölkerung gewinnen.
Im Buch sind fünf Gespräche dokumentiert, im Schlußkapitel gibt es dann auf 50 Seiten eine Einschätzung / Bewertung der untersuchten Probanten.Das halte ich persönlich für eine weniger schöne Passage im Buch, es erinnert mich ein wenig an einen Pychic-TV-Song:
„santa claus is checking his list, going over it twice
seeing who is naughty and who is nice“
All das stammt aus genau der Zeit, als ich nach Moabit kam, mich umsah, in das Ganze verliebte und blieb.

 

+++ Birkenstraße 57 +++

BirkenSchwerk, Ekkehard
Die Meisterdiebe von Berlin
Die „goldenen Zwanziger“ der Gebrüder Sass
94 S.
Kreuzberger Hefte V
Libri Books on Demand, ohne Jahr:
unveränderter Nachdruck der Auflage 1984
– einmaliger Sonderdruck 200 Exemplare –
(20 Jahre Dorotheenstädtische Buchhandlung)

 

 

Die Geschichte muß wohl nicht groß erklärt zu werden; die beiden Erzgauner und Schränker sind ja seit den zwanziger Jahren weit über Berlin hinaus bekannt geworden. Die genialen Brüder Franz & Erich Sass betrieben ihr Gewerbe mit Phantasie und Intelligenz, führten die Polizei in Serie an der Nase herum und mit großem Erfolg die (damals noch neue) Schneidbrennertechnik ins Panzerknackergewerbe ein. Sie wohnten in der Birkenstraße, hatten dort jahrelang ihr Hauptquartier und legten ihre berufliche Premiere am 27. März 1927 in Moabit hin, und zwar in der Depositenkasse der Deutschen Bank, Alt Moabit 129 / Ecke Werftstraße. Kein Coup, eher ein Lehrlingsstück: wegen zu kleiner Sauerstoffflasche und starker Rauchentwicklung mußte das Unternehmen abgebrochen werden. Aber durch Fehler lernt man am meisten, und so legte das Duo in der Folge eine atemberaubende Geldschrankeinbrecherkarriere hin, bis die beiden schließlich in Dänemark verhaftet, nach Deutschland ausgeliefert, zu 11 (Erich) bzw. 13 (Franz) Jahren Zuchthaus verurteilt und 1940 in Sachsenhausen von den Nazis ermordet wurden.

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Klebstoff # 003

KKK_EBeim Vorbeihuschen kribbelt es dann doch manchmal in den Fingern: Kamera raus und kleine klebrige Kuriositäten mitnehmen. Heute ein Exemplar aus der Stromstraße, Moabit.
pingpong

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Zeitmaschine_2

Update Zeitmaschine 16-01-17/12:45

  • 5 „neue“ Blogger
  • einige fehlende Links ersetzt
  • einige Fehler behoben

Weitere Updates demnächst.

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Die Velobüxe

Die Velobüxe, ohne Frage
passt optimal in jeder Lage!

VeloBuxe

Kleider
Ein Beitrag zu Wortmischers Projekt
Kleider machen Leute

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OK,

bei 39,2° Fieber sollte ich keine Blogbeiträge schreiben. Und photographieren auch nicht.

Aufbau

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Jetzt hat sich’s erstmal ausgerutscht!

Rutschgefahr_2

Recht so: Packt die Schlitterschrecke in die Ecke!

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R.I.P.

Lazarus

Bild: aus dem Clip zum „Blackstar“ – Album, 8. Januar 2016

 

„Look up here, I’m in heaven
I’ve got scars that can’t be seen
I’ve got drama, can’t be stolen
Everybody knows me now…“

David Bowie | Lazarus

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Klebstoff # 002

KKK_EBeim Vorbeihuschen kribbelt es dann doch manchmal in den Fingern: Kamera raus und kleine klebrige Kuriositäten mitnehmen. Heute ein Exemplar aus der Wilhelmstraße, Kreuzberg.

YourWorld
Krasse Ansage. Gesehen in Kreuzberg.

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Was für ein Scheißladen hier! – (Fast) alles muß raus.

Gestern war so einer von den Tagen, wie ich sie eigentlich gar nicht schätze. Meine Liebste hatte ihren Vorschlag durchgesetzt und so haben wir stundenlang eines meiner Bücherregale aufgeräumt. Das bedeutet dann: Bücher etc. ausräumen, entstauben, Regal reinigen, nicht mehr ge(w)sollte Exemplare aussortieren (seufz!) und den Rest wieder ordentlich einsortieren.

Es ist immer erstaunlich, was für Funde solche Aktionen zutage förden. Dinge, die sich jahr(zehnt)elang vor den Augen verborgen gehalten hatten, blinzeln plötzlich irritierend ins ungewohnte Tageslicht und scheinen einem zuzuflüstern: „Rette mich!“

Leider kann es wohl nicht für alles Rettung geben, es hat sich einfach zu viel angesammelt in all den Jahren. Diese Aktion war auch nur der Auftakt zu einer langen, qualvollen Reise durch das Tal der (Abschieds-)Schmerzen. Aber auch der (Wiedersehens-)freude.

Unter vielem Anderen trat meine alte Comicsammlung zutage, und dazwischen tauchten einige merkwürdige Zeitschriften und Folienschallplatten auf, die sich wohl hierher verirrt hatten und irgendwann von ihren Kollegen getrennt worden waren – aber wo sind eigentlich meine restlichen Undergroundzeitschriften der achtziger Jahre abgeblieben? Die Fahndung danach wird eine der Aufgaben der nächsten Expeditionen in KaterMurrs Monsterbibliothek sein. Hier eine Dokumentation der heutigen Beute:

Zeitschriften

Im Bild oben findet sich auch der allererste (!!!) Prospekt des sagenumwobenen Scheißladens – in diesem Institut residierte damals „Der wahre Heino“ und brachte bizarre Magazine und Platten / Musikkasetten unters Volk. Ach je, was waren das für Zeiten damals. Die Angebotsliste findet Ihr hier in einer PDF.

Und was mach ich jetzt mit dem ganzen Scheiß? – Erstmal in eine Kiste packen, und wenn die anderen Zeitungen gefunden werden, such ich dafür wohl eine Bibliothek, die auf die Subkultur der 80er Jahre spezialisiert ist. Aber vorher wird nochmal drin geblättert und gelächelt. So, ich muß jetzt aufhören, das nächste Regal ist dran, neue Entdeckungen warten…

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